Die Sumpfszenen gehören zu den großartigen Leistungen von Wolfgang Zehetbauer. Auf 3000 qm ließ er einen trostlosen und endlosen Sumpf entstehen, der allen Vorstellungen der literarischen Vorlage gerecht wurde und vielleicht auch übertraf. Riesige Mengen Schlamm, Pflanzen und Wasser wurden verwendet, um mehrere Wochen stehenden Sumpf zu bilden.

Doch wie hat Herr Zehetbauer dies umgesetzt? Die verschiedenen "Zutaten" sollten sich möglichst nicht vermischen. So wurden rasterartig viele kleine Becken mit einer Tiefe von etwa 30 cm angelegt. Pflanzen und Torf verdeckten die Übergänge. Ein großes Becken ließ sich für die Szene über Artax Tod absenken. Um die Szenen nicht nur realistisch aussehen zu lassen sondern auch richtig traurig, kamen keine Farben vor, nur Grautöne. Einige Bäume wurden sogar schwarz gespritzt.

Ihre Endlosigkeit verdanken die Sümpfe perspektivischer Tricks. Während im Vordergrund normale (rund 5 m hohe) Bäume stehen, werden diese nach hinten immer kleiner (bis zu 30 cm). Dazu erhöht sich das ganze Set auf den hintersten 2 m etwa um 1,30 m und bildet so die Horizontlinie nach. (Im Buch von R. Eyssen sind nur 1,30 cm angegeben. Es muß sich hier um einen Druckfehler handeln.) Die optische Täuschung funktioniert natürlich nur, wenn sich die Darsteller im vorderen Bereich bewegen. Ansonsten würde sofort die Diskrepanz der Größen auffallen. Weiterhin muß auch die Kamera stets unter der Höhe des scheinbaren Horizonts bleiben. Den Effekt verstärk noch der gemalte Rundhorizont.

Zu einem richtig schaurigen Sumpf gehören auch Nebel- und Rauchschwaden. Den Nebel wurde durch Trockeneis simuliert und an vielen Stellen aus Schläuchen geblasen. Der Rauch ersetzt in diesen Szenen den Hintergrund. Zerstäubtes Speiseöl wurde in großen Mengen verbraucht. Herr Eyssen erzählt in seinem Buch eine lustige Anektdote, wie sehr schnell alles nach einer Fritten-Bude roch. Einer der Nebelmacher namens Sam soll daraufhin indisches Perfüm dazugegeben haben mit dem Erfolg, daß alles nach indischer Haschhöhle roch.

Ein großes Problem für die Dreharbeiten waren die heißen Temperaturen und der Dreck. Die Anfang Juni 1983 gedrehten Szenen waren nämlich von einer erdrückenden Hitze begleitet. Zu dem Saunaklima am Set kam, daß es sich wohl nicht richtig vermeiden läßt, daß bei Arbeiten am Sumpf sich alle einsauen. Ein Kameramann soll auch mal so richtig reingefallen sein. Wie er es geschafft hat, daß seine Kamera heil blieb, ist wohl nicht mehr herauszukriegen.


Im Sumpf-Set wurden insgesamt drei Szenen gedreht. Das sind Artax' Tod, die mit der uralten Morla (und der Absturz vom Baum, die Rutschpartie von ihrem Rücken), und die Verfolgung durch den Gmork.

Ich fang einfach bei Artax' Tod an, weil dies eine der bewegendsten Szenen das Films ist. Einfach waren noch die Einstellungen, in denen Atréju sein Pferd durch der Sumpf führt. Plobleme bereitete die Einstellung, in der Artax von der Hoffnungslosigkeit überwältigt wird und langsam im Sumpf versinkt, während Atréju seinen Freund zum Kämpfen aufruft.

An Tierquälerei grenzend wurde Artax an Ketten auf einer Hebebühne angepflockt, welche sich vor der Kamera langsam in den Sumpf absenkt. Damit das Tier diese Prozedur ohne einen seelischen Schaden übersteht, wurde es vom Pferdetrainer Tony Smart wochenlang auf diese Einstellung vorbereitet. Dazu wurde zwischen den Aufnahmehallen ein tiefer Graben ausgehoben, mit Wasser gefüllt und das Pferd immer und immer wieder hindurch geführt.

Das Training war aber wohl doch nicht ausreichend, denn wie R. Eyssen in seinem Buch erzählt, ließ sich Artax nicht von der Traurigkeit unterkriegen, sondern kämpfte. Mit einem energischen Ruck seines Kopfes ließ Artax den Buben mitten in den Matsch plumpsen. Leider verletzte sich Noah am Bein durch irgendeine Kante der Hebebühne. Er wurde sofort, so dreckig wie er war, ins Krankenhaus gefahren. Der Arzt soll auch nicht schlecht dreingeschaut haben, als er einen kohlrabenschwarzen Indianerjungen getragen von einem Mann in einem weißen Papieranzug sah und etwas von Sumpf, Pferd, Hebebühne hörte. Zum Glück war der Junge nach zwei Tagen wieder einsatzfähig. (frei nach R. Eyssen)

Das Pferd überstand zu guter Letzt doch die Tortur, angebunden an die versinkende Bühne und die entgegengesetzten Anweisungen von Atréju und Tony Smart hörend. Na und die Szene wurde richtig gut.


Weniger dramatisch wurde die Szene, in der Atréju den Rücken der uralten Morla runterrutscht. Aber auch sie nahm einen ganzen Tag ein. Weil solch eine lange Rutschpartie ein unnötiges Risiko für den Hauptdarsteller bedeutete, wurde der Stundman Bobby Porter eingeflogen, fast der einzige auf der Welt, der Kinder in diesem Alter doubeln kann. Das gab auch einigen Stress. Aber der ist bei Herrn Eyssen nachzulesen.

Die Kameraposition wurde natürlich so gewählt, daß statt der ganzen Morla nur ganz kleiner Teil ihres Panzers zu sehen ist, nämlich gerade der mit dem abbrechenden Baum oben und der Bereich, in dem Atréju runterrutscht. Es war somit keine Modell der Morla nötig. Die Rutschpartie ist logischerweise eine ganz normale Schlamm- oder Wasserrutsche. Natürlich in der entsprechenden Dekoration. Sie war 10 m hoch und endete 2 m über dem Schlammbecken.

Eine kritische Sache an dieser Einstellung ist das Timing. Das mühsam hochgetragene Schlamm muß zum rechten Moment ausgeschüttet werden, Atréju muß in die Spur und die Kamera muß sich richtig bewegen. Die Schlammeimer wurden über Seile ausgekippt. Natürlich riß auch eines. Der andere Knackpunkt ist die Schleimigkeit des Schlamms. Zu dick läßt sich nicht auf ihm rutschen. Außerdem löste sich bei so vielen Versuchen die Dekoration auf. Und vielleicht war die Crew um H. Nikel besonders nervös, weil sich an diesem Tag die Versicherungsvertreter über den Fortschritt der Dreharbeiten informieren wollten.


Die Verfolgungsszenen mit dem Gmork wurden nach meinen Informationen vorwiegend nachts und unter der Regie von H. Nikel gedreht, denn tagsüber war Atréju dran. Den Effekt der Verfolgung aus Sicht des Gmorks kann man am besten mit der sogenannten Steadycam erreichen. Hierbei die Kamera so durch Federn, Dämpfer und Gegengewichte an den Kameramann installiert, daß sie stets austariert bleibt, egal wie sich der Kameramann bewegt. Dieser braucht dann nur noch den Weg des Gmorks nachzulaufen. Diese gleichmäßigen Bewegungen sind weder ohne die Schwingungsentkopplung noch über eine Kamerafahrt zu erreichen.

Für der Gmork war in dieser Szene eigentlich eine Dogge mit übergezogenem Wolfsfell vorgesehen. Diese war aber zu offensichtlich. So sind nur ein paar Tatzen zu sehen, die entstanden, indem ein Mitarbeiter diese Tatzen an die Hände geschnallt bekam, auf eine Bahre gelegt wurde, welche dann durch den Sumpf getragen wurde.


Stephan schreibt: Bei der Führung durch die Bavaria Filmstudios wusste die Gruppenleiterin zu berichten, dass der Schlamm von Ausbaggerarbeiten aus der Isar stammte. Der Schlamm wurde also auf Tieflader verladen und in in die Halle gekippt. Man hatte jedoch nicht bedacht, dass zu dieser Jahreszeit der Schlamm voller Insektenlarven steckt. Im warmen Licht der Scheinwerfer fühlten sich die Larven so wohl, daß sie nach wenigen Tagen ausschlüpften. Die Insektenschwärme sollen wohl so groß gewesen sein, daß keine Dreharbeiten möglich waren. Daraufhin wurde ein Kammerjäger gerufen der zwei Tage damit beschäftigt war die Halle Insektenfrei zu bekommen.

Danke Stephan.


Julia schreibt: Als der Schlamm dann doch nicht insektenfrei zu kriegen war, haben sie Kunstschlamm genommen, was nicht nur noch mehr Drehtage verschwendete sondern auch noch sehr teuer wurde. Außerdem wollte das wirkliche weiße Pferd nicht mehr in den Sumpf hinein, auch nicht mit dem Kunstschlamm, deswegen musste ein braunes Pferd benutzt werden, das sie dann weiß anstrichen. (Bavariafilmstudioführungen sind schon interessant :-) )

Danke Julia.

Wer mir noch mehr zu diesem Thema sagen kann, den bitte ich, mir einfach mal zu mailen.

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